Mehr Wohnungen in wirtschaftlich dynamischen Regionen können den Arbeitsmarkt stärken und zusätzliche Wachstumschancen eröffnen. Diesen Zusammenhang rückt ein neues Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in den Mittelpunkt. Wie unter anderem die Frankfurter Allgemeine und das Handelsblatt berichtet haben, empfehlen die Fachleute, die Ausweisung von Bauland attraktiver zu machen und eine dichtere Bebauung zu erleichtern. Damit erhält der Wohnungsbau zusätzliches Gewicht in der wirtschaftspolitischen Debatte. Ein größeres Angebot würde nicht nur Wohnungssuchenden helfen, sondern auch Unternehmen die Gewinnung von Arbeitskräften erleichtern.
Bislang scheitert ein beruflicher Wechsel mitunter schon an der Wohnungssuche. Gerade dort, wo Unternehmen attraktive Arbeitsplätze anbieten, ist Wohnraum häufig knapp und teuer. Ein höheres Gehalt verliert an Wert, wenn ein erheblicher Teil des zusätzlichen Einkommens für die neue Wohnung aufgebracht werden muss. Beschäftigte verzichten dann möglicherweise auf einen Umzug und bleiben an ihrem bisherigen Wohnort. Aus Sicht des Beirats gehen dadurch Chancen verloren, Arbeitskräfte dort einzusetzen, wo sie besonders produktiv arbeiten könnten. Die Folgen reichen somit über die individuelle Wohnsituation hinaus und betreffen die Leistungsfähigkeit der gesamten Wirtschaft.
Lösungsansätze sehen die Fachleute vor allem in der Ausweitung des Wohnungsangebotes. Ihrer Einschätzung zufolge wird in Regionen mit hoher wirtschaftlicher Dynamik und Zuwanderung zu wenig Wohnraum bereitgestellt. Mietpreisbremsen beheben diese strukturelle Knappheit nicht. Der Beirat verweist vielmehr auf mögliche Nebenwirkungen wie längere Suchzeiten und eine geringere Mobilität. Seine Empfehlungen richten sich deshalb wesentlich auf die Frage, wie zusätzliche Bautätigkeit ermöglicht werden kann.
Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Kommunen. Sie entscheiden über neue Bauflächen, müssen aber auch die damit verbundenen Infrastrukturkosten bewältigen. Wenn zusätzliche Wohnungen entstehen und neue Einwohner zuziehen, werden häufig mehr Kita- und Schulplätze, zusätzliche Verkehrsverbindungen oder Sporteinrichtungen benötigt. Für die Gemeinden entstehen dadurch erhebliche Investitions- und Folgekosten. Die Wertsteigerungen, die Grundstücke durch die Ausweisung als Bauland erfahren, kommen dagegen zunächst den jeweiligen Eigentümern zugute.
Der gesamtwirtschaftliche Nutzen zusätzlichen Wohnraums übersetzt sich somit nicht automatisch in einen finanziellen Vorteil für die Gemeinde. Gerade bei angespannten kommunalen Haushalten kann dies die Bereitschaft zur Ausweisung neuer Bauflächen bremsen. Der Beirat empfiehlt deshalb, die begünstigten Grundstückseigentümer stärker an den Infrastrukturkosten zu beteiligen. Eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage oder ein Planungswertausgleich, bei dem ein Teil der planungsbedingten Bodenwertsteigerung an die Gemeinde fließt, soll die finanzielle Belastung verringern und die Schaffung von Bauland wirtschaftlich attraktiver machen.
Daneben sollen bestehende Flächen intensiver genutzt werden können. Dafür empfiehlt das Gremium pauschale Anpassungen von Bebauungsplänen und des baurechtlichen Rahmens innerhalb bebauter Ortsteile, die höhere Bebauungsdichten ermöglichen. Vorgesehen ist eine ausdrückliche Ausnahmemöglichkeit. Hinzu kommen verbindliche Wohnungsbauziele für Länder und Kommunen sowie eine Neubewertung strikter Flächenverbrauchsziele. Steuerliche Erleichterungen bei beruflich bedingten Umzügen sollen ergänzend den Wohnortwechsel erleichtern. Die Vorschläge sind Empfehlungen des Beirats und noch keine beschlossenen Maßnahmen.
„Wer Wohnungsbau ermöglicht, verbessert zugleich die Voraussetzungen für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung. Die Empfehlungen des Beirats setzen deshalb an entscheidenden Punkten an. Kommunen brauchen einen tragfähigen finanziellen Rahmen für neue Bauflächen, und bestehende Grundstücke müssen besser genutzt werden können. Für die Umsetzung kommt es darauf an, dass aus diesen Ansätzen verlässliches Baurecht und wirtschaftlich realisierbare Projekte werden. Zusätzliche Wohnungen entstehen erst, wenn sich Planung und Investition auch zusammenbringen lassen“, sagt Jacopo Mingazzini, Vorstand von The Grounds.